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Eine kosovarische Reise - Netzpost und Notizen. 

"... die Virulenz eines Krisengebietes, das über seinen Kleinstadtflair stolpert ..." 



Im Februar 2000 besuchte eine Delegation des Hamburger Vereins Amanda 58 die kosovarische Provinz-Hauptstadt Prishtina. Ziel der Reise war die Organisation eines Tanz-Theater-Workshops im Sommer des selben Jahres. 
Eher zufällig war Amanda 58, ein Verein zur interkulturellen Bildung und Öffentlichkeitsarbeit auf das Thema "Kosovo" gestoßen: Flüchtlinge aus der jugoslawischen Provinz waren in Hamburg angekommen und wurden von Vereinsmitarbeitern betreut. Mit Computerschulungen, Sprach- und Fotokursen fassten die jugendlichen Bürgerkriegsflüchtlinge in dieser neuen Stadt wieder Fuß.
 
 Die Idee, die Kooperation in das Nachkriegs-Kosovo auszudehnen, passte zunächst nicht in die üblichen Hilfsaktionen Europas und der USA. Der direkte Kontakt zu den Kulturschaffenden vor Ort war somit wichtigster Ansatzpunkt, einen Tanz-Theater-Workshop unter dem Motto "Toleranz durch Stärke" verwirklichen zu können.  
Die E-Mails richteten sich an Anne-Ilse Vertein, und Ina Hose, die an der Vorbereitung der Reise und am gesamten Projekt von amanda 58 maßgeblich beteiligt waren.

 "... dank der kfor herrsche frieden ..."

e-mail, 17.o2.oo

moin mädels. wir sind alle wohlbehalten angekommen, die kfor ist extrem nervöse, d.h. die straßen sind sicher. wir sind nachts über die grenze und mit einem affenzahn dann mit neuem shqip-taxi nach prishtina. grandhotel.

 
Das Taxi hatte uns ein freundlicher Mazedonier aus der Hamburger Eincheckhalle heraus per Mobile Phone direkt in Skopje organisiert. Ein Bekannter seines Bruders hätte ein Taxi, und kenne den Weg nach Prishtina. Nachts über die Grenze, kein Problem sei das, dank der Kfor herrsche Frieden. Das Taxi entpuppte sich dann als alter Benz, Strich-achter, Überholmanöver mit knappen neunzig auf den kurviger werdenden Straßen, aus Mazedonien in die Berge hinein, die das Kosovo einschließen. Tote hätte es gegeben. Auch hier auf mazedonischer Seite, meint der Fahrer, sein Serbokroatisch durchsetzt er mit ein paar deutschen Brocken, Tote in einem der Bergdörfer, letzte Woche, er vermute, es sei nicht um Drogen gegangen, wie die Polizei später erklärt habe, sondern um politisches.

Das Sturmgewehr in der Armbeuge angeschlagen 

An der Grenze dann: gelangweilte mazedonische Grenzer, übelgelaunt wegen des ganzen Transitverkehrs, der Versorgungskonvois ins Kosovo, die Kontrolle verkürzt sich auf den westeuropäischen Standard. Danach der Kfor-Check. Volle Kampfmontur, den Dolch vor der Brust, das Sturmgewehr in der Armbeuge angeschlagen. Ein Gefühl der Sicherheit, das Kosovo präsentiert sich im Gewand der momentanen Herren. Die Einreise erfordert dann doch einen Blick in den Kofferraum, aber auch der gebremst, wir können fast ohne Wartezeit weiter. Dann, nach weiteren 200 Metern, der erste wirkliche Schock: Fünf Zivilisten versperren die Straße, der Fahrer muss anhalten, die Türen werden aufgerissen, albanisches Stimmengewirr, ich versuche die Beifahrertür zumindest wieder auf Handbreite zu schließen, sie diskutieren mit dem Fahrer, dessen Serbokroatisch sich nun auf die notwendigsten Floskeln verkürzt und sich mit albanischen Versatzstücken um Deeskalation bemüht. Nach einer halben Minute scheint klar, das wir das Taxi zu wechseln haben, wir vereinbaren ein halbe/halbe für den Fahrtpreis , ich muss darauf bestehen, meine Kameraausrüstung selbst durch die 20 Meter Dunkelheit bis zu einem wartenden Kleinbus zu tragen, wir steigen ein, der Fahrer, dünn, leichter Vollbart, gibt sofort Gas, und wir rasen mit 120km/h durch die nicht weniger kurvigen Straßen des Kosovo. 
 
Prishtina taucht nach einer guten Stunde Fahrt plötzlich hinter einer Kuppe auf, liegt uns zu Füßen, wie im Landeanflug tauchen wir in die Lichter ein. Jetzt erst fragt der Fahrer, wohin wir genau wollen, ich meine "nena-terese", und "Grand-Hotel", er nickt kurz, ich füge noch ein "Casablanca" hinzu, und er muss lachen.
    

e-mail, 17.o2.oo
ich habe hier mitten in einer postsozialistischen passagenlandschaft ein internetcafé gefunden, der strom läuft durchgehend, dank eines diesel-aggregats vor der tür - nur die amitastatur nervt.

 
 

Die Stadt überlebt mit einem Charme, der nur uns Westler zur Verwunderung nötigt

Der erste Stromausfall im Internetcafé. Plötzlich ist das Licht weg, die Musik aus dem Sony verstummt und die Bildschirme von ca. zehn High-End-Rechnern werden schwarz: eine Seite der gerade erstellten Mail scheint verloren, und ich überlege nur schaudernd, wie all die Computer das überleben sollen. Es dauert vielleicht eine halbe Minute, bis der Betreiber vor den Laden gerannt ist, das Notstromaggregat angeworfen hat, das Licht geht wieder an, und sämtliche Computer sind sofort da. Die Mail ist unberührt, die Kisten laufen, als wäre nichts gewesen.
 
Die Stadt überlebt mit einer gigantischen Routine - sie hat einen Charme entwickelt, der wohl nur uns Westler zur Verwunderung nötigt.
 
Die Stadt löst sich auf, tropft, bildet Lachen, dreißig Läden in dieser Passage, Mode, sehr schick, kleine Bistros, auch die mit Aggregat vor der Tür, die Decke ist teilweise offen, oben sind Passanten unterwegs, und ich vermag nicht zu sagen, welche der Öffnungen architektonisch gewollt sind und welche einfach nur Löcher urbaner Verwitterung darstellen.
 
Am Ausgang dann wieder das Chaos verschiedenster Taxitypen, Benzen, noch mit dem deutschen Taxischild auf dem Dach, Golfs und ein paar alte Yugos sind auch darunter.
 

Schlamm am Boden und die Virulenz eines Krisengebiets, das über seinen Kleinstadtflair stolpert. 
 

Tschechow, Ionesco und "keine Experimente"

e-mail, 17.o2.oo
begolli hatten wir heute vormittag: treffer! der typ mag uns, will mitmachen, wenn er auch behauptet mit tschechow und ionesco "klassisches theater" zu machen. "keine experimente". aber er ist ein absoluter sympath. petrovci hat den termin um 13 uhr platzen lassen, wir werden sehen. vom dodonatheater unter begolli kriegen wir erst mal alles.

 
 
Begolli und Petrovci - zwei Theaterleute, zwei Bühnen in Prishtina. Petrovci, mit Kontakten nach Skopje und traumatischen Erinnerungen an den Krieg - Begolli, seit jeher Leiter des Dodona-Theaters, eines Puppentheater für Kinder und während der letzten zehn Jahre auch subkultureller Treff kultureller und sonstiger Dissidenten. Die andere Bühne, das Staatstheater ist inzwischen von jungen Albanern übernommen worden. Immer noch hat das Dodona den Rang einer zweiten, kleineren und spezielleren Spielstätte: Neben Volkstanz und Puppenspiel wird auch Quentin Tarrentinos "Reservoir Dogs" als "Macciato Boys" inszeniert. Und bei Stromausfall springt das Flair des kleinen Theater-Bistros - eher eine rustikale Kneipe mit schwarzgebranntem Schnaps ins Konspirative. Die Kerzen stehen griffbereit und innerhalb von Sekunden sitzen Begolli, Petrovci und ihre Schüler um einen Tisch. Die Ellenbogen aneinander gedrängt, vermindert sich mit der Beleuchtung auch die Lautstärke und aus den eksaltierten Theatermenschen sind bedächtig raunende Verschwörer geworden. Erst jetzt die direkte Frage, was um alles in der Welt wir Deutschen uns dabei gedacht haben, mit Tanz-Theater-Ideen nach Prishtina zu kommen. Und ob sie das alles Ernst nehmen könnten. Ich bin alleine, tue mein bestes und werde mit einer Art Grappa halb zum Reden gebracht, halb belohnt. Sie beschließen uns zu trauen. Ich verfalle noch heute oft der Idee, ein gelegnetlucher Zusammenbruch der Stromversorgung könne auch in Mitteleuropa ungemeine Vertrauensvorstöße bewirken. 
 
 

"Casablanca", die erste Absteige am Platz

Grandhotel Prishtina. Neuerdings "Casablanca", wie der Spiegel schon vor zwei Monaten die neue Namensgebung meldete. Fünf Sterne, die erste Absteige am Platz. Wir haben ein Zimmer im elften Stock bezogen. Keine Heizung, Stromausfälle und morgens kein Wasser. Der Besitzer soll der Bruder des Chefs der ehemaligen UCK sein.
 
Unten, im Hotelbistro versehen sie den doppelten Espresso mit einer eigenartigen Mutation des Plastiklöffels aus ostdeutschen Imbisshallen. Keine Zeitung im Foyer, keine im Café. Ich traue dieser Enklave der Unbekümmertheit inzwischen zu, dass sie das Leben weiterlaufen lassen, auch wenn Westeuropa gerade untergegangen sein sollte.
 

Und die NATO-Verwaltung scheint sich in ihrer UNMIK-Version zumindest hier anzupassen: Pressekonferenzen werden zwar ausgeschrieben, finden dann aber doch in Mitrovica und nicht in Prishtina statt. Journalisten scheinen sich von diesen offiziellen Verlautbarungen ohnehin nicht mehr allzu viel zu versprechen, das Essenzielle scheint in Geheimabsprachen zwischen den jeweils verfeindeten Parteien abgeklärt zu werden. So verlegt sich die Recherche auch zunehmend auf zufällige Meetings im Hotelfoyer und auf Fragen wie: "Hast du gehört, ob ..." und" ...eigentlich könnte doch".
 
Zigarettenautomaten gibt es nicht, dafür ausgeprägte Kinderarbeit. Alle fünf Minuten kommt einer rein, 7-11 Jahre alt, Routine eines altgedienten Geschäftsmanns, "Sigorra, Sigorra".
 
Kaffee bestelle ich inzwischen dreisprachig. Albanisch die Begrüßungsformel, dann automatisch "i´d like to have", ein kurzes "wunderschön", wenn die dampfendeTasse ankommt und zurück zu den Skipetaren, beim Dankesagen. Unbeachtet meiner sentimentalen Kosmopolitomanie, könnte es eine Chance für diesen Flecken auf dem Balkan sein, die alte Welt mit den USA durchzumixen, und aus der Melange Gewinn zu ziehen.

Vögel, immer wieder Vögel

Vögel. Immer wieder Vögel. In der Dämmerung steigen sie in riesigen Schwärmen über der Stadt auf, Dohlen, Krähen, Kohlenvögel. Apokalyptische Flugstaffeln, besetzen ganze Gebäude, Bäume würden unter ihrem Gewicht wohl zusammenbrechen. Ihr infernalisches Gekrächze scheint nur mich zu irritieren, ich ziehe den Kopf ein, hole die Kamera heraus und versuche mit Langzeitbelichtungen das Phänomen eines sich in Phasen verdunkelnden Himmels einzufangen.
 
 Drei Mädchen bitten mich um ein Foto. Sie poussieren ganz herzallerliebst und fragen mich, ob das Foto denn auch zu ihnen kommt. Auf mein Achselzucken und die Frage "Wie?" meint die Kleinste nur "Danke!", mit großer Geste und mir bleibt nur übrig, dasselbe zurückzugeben.
 

 Den Sonntag verspürt man hier in Prishtina kaum.
 
 Schnee, der sofort gelb wird. Shqiperia ist lehmig. 



"... selbst die mafia am nebentisch hat vor respekt das schulterholster angelegt"

e-mail, 19.o2.oo
an der front tut sich allerhand. nachdem begolli so begeistert war, kam petrovci abends ins hotel. n´büschen gründgens in der fresse, und genau so bekannt. der ober war ganz gerührt, und um uns rum war klar, die jungs aus deutschland sind erste sahne. petrovci stellt sich als "enver" vor, setzt sich, bestellt wasser und bier für uns, und es beginnt eine orgie. ende um halb eins, ergebnis: er liebt uns, wir sind alle völlig hacke, er macht das ding, das dodona-theater ist sein "baby", er will das mit begolli regeln, selbst die mafia am nebentisch hat vor respekt das schulterholster angelegt, das haus seines vaters will er uns überlassen - fragt mich nicht warum den ganzen tanz.


wir sehen ihn heute nochmal, an der uni, bei proben, danach mit frau finger im ilyria, und abends bei begolli kultur im dodona. bei wolfen im deutschen haus waren wir heute morgen, die finger hat uns reingelotst - auch sie liegt uns zu füßen. wolfen fand uns dann irgendwann auch sehr angenehm, will sich stark machen. er schätzt es allerdings nur gebremst optimistisch ein.

 

Der Versuch, in einer von drei Armeen zerstörten Provinzhauptstadt einen Tanz-Theater-Workshop zu organisieren, ist auf Hilfe angewiesen. Und auch die Nachfrage trifft nicht überall auf sofortiges Gehör. Vor dem Deutschen Haus, einer Villa an den Berghängen, die Prishtina einrahmen, stehen wir trotz botschafts-kompatibler Kleidung eine knappe Stunde, bis wir es schaffen, per Telefon eine Assistentin des offiziellen Vertreter Deutschlands Wolfen zu erreichen. Das Gespräch mit dem verläuft freundlich aber distanziert. Zu fremd das Ansinnen, zu wirr wohl das Konzept "Toleranz durch Stärke".

e-mail, 19.o2.oo
sie spielen gerade sting: "hope the russians love theyre childrens too". sieh´ an die amitastatur hilft in fremden sprachen!

ansonsten: heute morgen haben wir den schnee vom fensterbrett gekratzt, um irgendwie an wasser für die haare zu kommen. julius hat zum glück an kerzen gedacht.

gehabt euch wohl, gregor

 
 

... insofern sei es wohl "Dardans place".

Auf der Suche nach der nächtlichen Bierration, bin ich auf "Dardans place" gestoßen. Die Jungs im Börekladen muslimischer Prägung und daher sowieso ohne Alkohol, meinten "hinten" sei noch eine Kneipe offen. "Hinten" hieß zwischen zwei Häusern durch, kaum zu entdecken, ein Durchgang, ohne Beleuchtung, wie der Rest der Stadt ohnehin, im zweiten Hinterhof dann ein einstöckiges Gebäude, Licht aus den Fenstern. Und der Soundtrack von "Reservoir Dogs", Tarrentino passt unvermutet gut in die Kulisse. Ich betrete das, was ich beginne einen "Laden" zu nennen, und habe das Gefühl über unerklärliche virtuelle Wege wieder in Hamburg angekommen zu sein. Die Kundschaft beschränkt sich auf ca. 30 Leute, damit ist das Etablissement auch gut gefüllt.

Am Tresen die übliche Frauenriege, Pagenschnitte, 70er-Partystyling, im hinteren Teil wird wie im Westen gestanden, und es ist offensichtlich: hier trifft sich die Szene. Hinter dem Tresen steht ein hagerer junger Mann, bedient nach jedem Lied den CD-Player und mixt dabei den Musikbestand der letzten dreißig Jahre. Jefferson Airplane, Supertramp dazwischen Bass und Trommeln, etwas Goa, um dann wieder ohne Angst vor dem Vorwurf stilistischer Beliebigkeit, bei Eric Clapton mit "wonderfull tonight" anzukommen. Am Fenster stehend treffe ich ein bekanntes Gesicht. Ein Schüler Begollis vermute ich, ich hatte ihn tags zuvor auf einer Premierenfeier im Dodona-Theater getroffen. Auf meine Frage, wie die Kneipe heißt, erhalte ich nur ein freundliches Achselzucken, einen Namen hätte das ganze nicht, der Mensch hinterm Tresen sei Dardan, und insofern sei es wohl "Dardans place".
 
Dardan, so erfahre ich weiter, stamme aus Kanada, während des Krieges Volunteer bei der UCK, ich hatte letztes Jahr TV-Bilder aus den Staaten gesehen, verheerend schlecht bewaffnete junge Männer, die eher zu Statistenzwecken in das Kosovo geflogen wurden, wie mir damals schien.
 
Mein Gesprächspartner entpuppt sich im weiteren als PR-Chef des Nationaltheaters, ich schätze ihn auf Anfang dreißig und frage ihn nach dem Namen. "Fathos" antwortet er, und mehr aus Lust an Zufälligkeiten frage ich, ob er Fathos Berisha kenne. Er habe, so hatte ich in Hamburg noch im Internet gelesen, Vaclav Havel mit der "Audienz" inszeniert. Treffer. Hab´ ihn vor mir. Und weitere Nachfrage legen auch dar, wie eng sie aufeinander sitzen, die Kulturschaffenden: Arben Castrati, mir ebenfalls aus dem Netz als Organisator des sommerlichen Filmfestivals bekannt, hatte gestern nicht nur eine Nebenrolle in "Einer flog übers Kuckucksnest" gespielt, sondern habe, so versichert mir Fathos, kurz vor meinem Eintreffen den Tresen verlassen, und der Indianer aus dem gleichen Stück sei eigentlich Intendant des Nationaltheaters.
 
Nach dem dritten Budweiser verlasse ich die Lokalität, zwei Tage werde ich noch in der Stadt sein, und die Abende scheinen gerettet.
 
 

"... keine chimäre, kein pyrrhussieg, ein zombie!"

"wie sagt ihr, die schwarzen männer ... zigeuner" 

e-mail, 20.o2.oo
moin mädels, es ist schon ein ergreifendes gefühl, vom taxifahrer verarscht, die straße dann doch noch zu finden, unterwegs viele kaputte häuser abzulichten, urbane trümmerromantik, nach zwei stunden dann den gesuchten aufzutreiben, sein haus zu fotografieren, er versicherte mir, das der schuppen einfach zusammengefallen ist, und dann zu erfahren, dass die ausgebrannten trümmer von "wie sagt ihr, die schwarzen männer ... zigeuner" bewohnt wurden, die nach dem nato-einmarsch aus dem land gejagt wurden. er braucht etwas, bis er merkt, dass ich seine begeisterung nicht teilen kann.


es muss ein riesiger exodus gewesen sein. ich weiß nicht, wie viele roma hier gewohnt haben und von der albanischen bevölkerung verjagt worden sind. aber es war ein ganzes quarree, ein ganzer häuserblock, der niedergebrannt wurde - und im ganzen viertel stehen verkohlte hausruinen herum. das alles ist wohl erst passiert, als fischers nato hier einmaschiert war.

Die westeuropäische linke hat seit napoleon wieder einmal einen krieg gewonnen, nur wenn mensch sich die folgen, konsequenzen etc. genauer anschaut, und so genau muss es gar nicht sein: klappe halten, finger in'n po und lächeln, keine chimäre, kein pyrrhussieg, ein zombie! 

 soviel dazu, sorry. 

 eure mail kam etwas zu spät, ich habe mir heute einen fahrer besorgt, der mich morgen nach peja bringt, und mich den ganzen tag über die dörfer fahren wird, morgen abend nochmal petrovci, und mittwoch müssen wir früh los, die mazedonier werden nicht auf uns warten. 

 wie gesagt, die familie b. haben wir mit bildmaterial versorgt - auch dieses haus wurde dereinst von roma bewohnt. welcome to westerneurope.

 

Spielgeld

Hier im Grandhotel haben sie es jetzt gefressen, dass wir die drei jungen Herren aus Deutschland sind , die höchst innovativ, denn was bleibt dir ohne festen Etat, eine Vision verfolgen. Zwischen all den verlebten Mitvierzigern bis Endfünfzigern aus dem mittleren Dienst der westeuropäischen Karitativität, eine Attraktion.
 
 Der Ober im Hotelbistro hat mir heute ein Fünffrankenstück als Wechselgeld in die Hand gedrückt. Auf meinen Protest, dass das ja keine fünf Mark seien, meinte er nur kurz, es mache keinen Unterschied, kramte in seiner Kellnerbörse und gab mir gleichgültig ein Fünfmarkstück. Ich bin mir sicher ich hätte mit den fünf Franken jedes Taxi bezahlen können. Spielgeld. 
e-mail, 22.o2.oo
 
 mitrovica habe ich mir gespart. kann mich auf einen beschluss unseres dreierplenums berufen, das meine gegenwart hier allzu wichtig sei. den beginn des marsches hab ich morgens um acht hier in prishtina fotografiert. über 50.000 waren es, studenten, alle unter 25, wie hier sowieso fast alle. das jüngste land europas. abends im hotel habe ich dann gehört, daß die kfor eine sondereinheit in den norden verlegt hat, amis und britten. bluthunde. ansonsten sollen nur ein paar albaner versucht haben über die brücke zu kommen. naim, mein fahrer heute, meinte, es sei alles relativ ruhig geblieben.


 

 "... dumme Bauern und brennbare Erde."

private e-mail, 20.o2.oo
bin ausgebrannt. ich war heute in peja, dem ehemaligen pec. 90 prozent der stadt waren nach dem krieg beschädigt. und rundherum auf dem land war marodierende soldateska unterwegs. 40 km über schlaglochpiste, immer wieder anhalten, knipsen, 40 km lang ausgebrannte häuser, dazwischen stehen sogar noch ein paar.

kinder auf der straße, aber streckenweise nur noch der hauch vom dreißigjährigen krieg. überall, wo wir angehalten haben, dann dieselben geschichten, mit datum jeweils, 5 tote am dritten, 17 tote am siebten mai, alles während des nato-angriffs abgelaufen, bunte kränze, in plaste gewickelt.

in den ausgebrannten häusern haben sie nachher spritzen gefunden, pumpen, eine der raren erklärungen für diese gewaltexzesse. das war keine yugoslawische armee, das waren zombies. keine chimären, sondern monster. insofern war der marsch nach mitrovica naim und den bauern unterwegs nur eine nebenbemerkung wert. 

sie erzählen dir von den toten, verbrannt, im wasser gefunden, massakriert, "mann beißt hund", der exzess in der küche. 

ich hab das in kurdistan gesehen. vor zehn jahren. zwei tage nur steinhaufen, wo mal dörfer waren. hier liegt der hausrat noch zwischen den ausgebrannten matrazen, von den schwarzen lachen am boden ganz zu schweigen.

milosevic soll schwerstkriminelle hierher geschickt haben, des drogueés, zombies.

nicht gerade eine gute nachtgeschichte liebste, geb´ ich zu, aber ich bin durch. das war heute nur ein ausflug in die realität der dummen bauern, derer, die immer als erste auf die schnauze kriegen.  

 
 
 

"... den dreißigjährigen Krieg in fünf Zeilen zu umreißen ..."

Nach ein paar Stunden Schlaf im Hotel gehe ich noch einmal bei Dardan vorbei. Dieses Mal mit eindeutigeren Absichten, genauer dem direkten Account zur Smirnow-Flasche. Ich hatte in einem der zerstörten Häuser ein kleines Fläschchen mit weißen Pillen gefunden, in meine Jackentasche gesteckt, und am Tresen bekomme ich es auf der Suche nach Zigaretten wieder zwischen die Finger. Ich schiebe es über den Tresen. Dardan schaut es kurz an, dann mich, ich meine : "Ich war in Peja. Amphetamin? Aspirin?". Er gibt das Fläschchen an einen Gast weiter, der ordert ein Glas Wasser, zerbröselt eine der Pillen und nickt: "Amphetamin!" Kein größeres Erstaunen, nur die ruhige Aufforderung an den anderen Tresenmenschen, das Glas wegzuschütten. Auch hier nur das Achselzucken, mit dem sie wohl das meiste zu bewältigen scheinen .
 
  Fünf Minuten später kommt Dardan noch einmal auf meine Ecke. "Du warst in Peja?". Ich nicke, versuche den dreißigjährigen Krieg in fünf Zeilen zu umreißen, Schwedentrunk und marodierende Soldateska in ihrer Internationalität, Dardan schaut mich an und sagt: " Es gab dort kein einziges Gefecht mit der UCK." Es scheint wirklich ein Exzess gewesen zu sein, ein gigantischer Luftkrieg, dumme Bauern und brennbare Erde.
 
 Etliche Smirnows später, ich rechne die verbleibenden Stunden durch, der Flughafen in Skopje hat in Hamburg ausrichten lassen, wir sollten zwei Stunden früher da sein und an der Grenze gäbe es Probleme, es bleiben also noch drei Stunden Schlaf. Ich beginne mich zu verabschieden, Dardan grinst nur "Du kommst wieder", sein Laden liegt in Dardania, und Dardania soll der alte Namen für das Kosovo sein.
 
 Hab´ ich am Tresen gehört. 
    

e-mail, 22.o2.oo

moin, ihr ebenso lieben. unser fahrer naim meint es genügt, wenn wir morgen um acht uhr losfahren, zu fuß über die grenze, und in's nächste taxi nach skopje.

bunte infos haben wir mehr, als wir uns träumen ließen.

passaremos, gregor