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Jenny de la Torre: Zwischen Krätze, Wohnungsamt und Seelsorge

"Ja, einen Brief an Frau Köhler" habe sie geschrieben, sagt sie verhalten.

Helfen mit dem Preisgeld der Superillu - Wie außerhalb des staatlichen Sozialsystems ein Gesundheitszentrum für Obdachlose entsteht


Was tun, wenn die Ärztekammer den Job faktisch streicht, die Patienten keine Lobby haben und es ohnehin gewohnt sind, ihrem Schicksal überlassen zu werden? Der Fall der Obdachlosenärztin Jenny de la Torre Castro scheint symptomatisch für die Beschäftigungspolitik freier Träger im sozialen Bereich: Nach zehn Jahren Vor-Ort-Versorgung hilfsbedürftiger Menschen am Berliner Ostbahnhof streicht der Träger, die MUT- Gesellschaft für Gesundheit mbH, im September 2003 die Vollzeitstelle der Ärztin auf 25 Stunden zusammen. Die gelernte Fachärztin für Kinderchirurgie de la Torre hatte das europaweite Modellprojekt selbst mit aufgebaut. „Niedrigschwellige Hilfe", unbürokratisch und direkt.

Einen funktionierenden Praxisbetrieb konnte sie sich unter den neuen Bedingungen nicht mehr vorstellen, die Betreuung ihrer Patienten sah sie in höchstem Maße gefährdet. Die MUT, eine Tochter der Ärztekammer, bleibt bei ihrer „Änderungskündigung". Die Ärztin, deren Arbeit weit über die alleinige medizinische Versorgung hinausgeht und deren Engagement längst stadtbekannt ist, nimmt die neuen Konditionen nicht an und geht mit einer Pressemitteilung an die Öffentlichkeit: „Ich rufe die Berliner Bevölkerung und meine Kolleginnen und Kollegen dazu auf, eine von Kürzungszwängen unabhängige medizinische und soziale Hilfe für Obdachlose aufzubauen."

Man habe ihr im September 2002 gesagt, sie könne mit dem Geld machen, was sie wolle, sagt sie.

Ein ehrenhafter Aufruf, der in Zeiten allgemeiner Sparzwänge jedoch in breitem Wohlwollen verhallt. Das Bundesverdienstkreuz, das de la Torre 1997 verliehen wurde, hilft wenig weiter. Hilfreich ist eher die „Goldene Henne", ein Preis der Illustrierten Superillu, und die daran gekoppelten 25.000 Euro des Sparkassen- und Giroverbandes. Man habe ihr im September 2002 gesagt, sie könne mit dem Geld machen, was sie wolle, sagt sie. So habe sie dann damit eine Stiftung gegründet. Seit Dezember 2002 arbeitet die Jenny de la Torre-Stiftung laut Satzung „zur Unterstützung von in Not geratenen Menschen". Mit der Kündigung im Herbst vergangenen Jahres hat die Stiftungsarbeit eine neue Perspektive bekommen: Ein Haus in der Pflugstraße in Berlin-Mitte wird seit Juli 2004 zum „Gesundheitszentrum für Obdachlose" umgebaut. Die Räumlichkeiten stellt der Bezirk mietfrei zur Verfügung.

„Es geht weniger um karitative Arbeit, sondern um Gerechtigkeit"

7000 Menschen gelten in Berlin als „untergebracht", Schätzungen gehen davon aus, daß weit über 10.000 Menschen in der Hauptstadt ohne feste Bleibe sind. Gerade mit Blick auf diese Dunkelziffer sind die Grundsätze der Stiftungsarbeit klar formuliert: unbürokratische, schnelle und anonyme Hilfe. „Eigentlich müßte Berlin in der Lage sein, dafür drei Ärzte zur Verfügung zu stellen", sagt de la Torre. Möglich scheint dies in der Stadtmitte inzwischen nur noch außerhalb des staatlichen Gesundheitssystems. „Wir können dieses Problem nicht an den Stadtrand schieben", sagt die Ärztin. In Mitte soll das Gesundheitszentrum nun mit einer Suppenküche und einer Kleiderkammer an den Start gehen, aber der vertraute Heilsarmee-Standard täuscht.

In erster Linie "sozial krank"

Deutschlandweit einmalig ist der umfassende Anspruch des Projektes: „Es geht weniger um karitative Arbeit, sondern um Gerechtigkeit", so de la Torre. „Karitativ ist, im Vorübergehen Almosen zu verteilen ­ ich glaube nicht, daß das hilft. Man muß den Betroffenen sagen, daß es andere Möglichkeiten gibt: daß sie Anspruch auf Sozialhilfe haben, ihnen eine Schuldnerberatung und eine psychologische Betreuung anbieten." So sollen über die medizinische Versorgung hinaus alle Bereiche abgedeckt werden: Neben einem Zahnarzt und einem Allgemeinmediziner werden sich ein Jurist, ein Sozialarbeiter und ein Psychologe um die Betreuung kümmern. Die Medizinerin de la Torre kann auf ihre Erfahrungen am Ostbahnhof zurückgreifen, wenn sie ihre Patienten in erster Linie als „sozial krank" bezeichnet. Nur über dieses umfassende Hilfsangebot sei den Betroffenen eine Rückkehr in die Gesellschaft möglich.


Die Stiftungsgründerin vertraut auf konkrete Hilfe

Bleibt das leidige Thema mit den Finanzen: Schon die Stiftungsgründung mit den 25.000 Euro Startkapital bedurfte einer Sondergenehmigung: Formal ist das Doppelte nötig. Auf solches Entgegenkommen beschränkt sich auch die Hilfe von städtischer Seite. Der Rest muß über Sponsoren finanziert werden. Die GASAG und die VNB, ein Imkerverband, Verlage und Privatpersonen unterstützen das Vorhaben mit Sachspenden und per Dauerauftrag. Für die Suppenküche hat die Berliner Tafel Lieferungen zugesagt, der Paritätische Wohlfahrtsverband verspricht ebenso wie die Krankenhäuser, dem Projekt unter die Arme zu greifen. Und dann ist da noch der Student, der monatlich drei Euro überweist. Prominente Unterstützung, ein Schirmherr vielleicht? Ja, einen Brief an Frau Köhler habe sie geschrieben, sagt de la Torre verhalten. Aber wirklich wohl ist ihr bei dem Gedanken nicht: „Es soll ja nicht politisch werden."

Und wie es Prominenz in obdachlosen Kreisen gehen kann, beschreibt Alt-Bundespräsident Rau immer gerne: Der wurde bei der Berliner Stadtmission mit „Mensch Weizsäcker, daß ich dich nochmal treffe!" begrüßt. Die Stiftungsgründerin vertraut eher auf konkrete Hilfe: Ende September liefert eine Arztpraxis medizinisches Gerät. „Damit bekommen wir ein halbes Behandlungszimmer und ein halbes Labor", sagt Jenny de la Torre lächelnd.



Jenny de la Torre Castro, 1954 in Peru geboren, studierte Medizin und kam als Stipendiatin nach Leipzig. Die Fachärztin für Kinderchirurgie promovierte 1990 und arbeitete zunächst als Ärztin in Salzburg. 1994 übernahm sie eine Arztpraxis für Obdachlose am Berliner Ostbahnhof. Dem Bundesverdienstkreuz im Jahr 1997 folgte 2002 die „Goldene Henne" der Illustrierten Superillu, mit deren Preisgeld sie die Jenny de la Torre-Stiftung gründete. Nicht nur die medizinische Versorgung, auch die soziale und rechtliche Situation der Hilfesuchenden stehen im Mittelpunkt der Stiftungsarbeit. Im Herbst 2003 beschloß Jenny de la Torre, ein Gesundheitszentrum für Obdachlose außerhalb des staatlichen Sozialsystems aufzubauen. Dafür sammelt sie Spenden.

Fotos: Stiftung Jenna de al Torre