Ihr lieben daheim,

heute brach wieder, wie in den letzten Tagen so häufig, die Stromversorgung zusammen. wir versuchen auf die schnelle alle Ereignisse hier zusammen zu fassen. Unsere Unterkunft mit dem Charme eines volkseigenen Feriendomizils in Kühlungsborn ist soweit ganz passabel, jedenfalls haben wir immer Wasser, was in Prishtina sonst nicht der Fall ist. Bei durchcshnittlich 40 grad ist tägliches Duschen Luxus pur. Unser Weg zur Arbeit am Nationaltheater führt durch enge Gassen vorbei an vielen zerstörten und verlassenen Häusern. Die Stadt liegt unter einen unvorstellbaren Dunstglocke. Abgase, Staub und Müllberge. Streunende Hunde, die sich nachts zu gefährlichen Rudeln zusammenschliesen, durchwühlen die Abfälle. Am Nationaltheater angekommen, knattert bereits der Generator. Die Zigarettenkids sitzen schon auf den Stufen und warten auf die ersten Kunden. Bei 80% Arbeitslosigkeit sind die Kinder häufig die einzigen Ernährer der Familie. Das Strasenleben tobt, und im ersten Nachkriegssommer sind es vor allem die kosovarischen Jungendlichen, die das Gefühl der Normalität verbereiten. Der Tanztheater-Workshop läuft. Täglich arbeiten Rotraut und Heidrun, wenn nicht gerade wieder einmal das Licht ausgeht auf der Hauptbühne des Nationaltheaters mit 20 Teilnehmern. Der Entwurf des Wandbildes stößt auf positive Resonanz. Wie ein Mikkadospiel liegen Stäbe über einer Fläche von 500qm. Jeder dieser Stäbe enthält Ornamente verschiedener Ethnien und Kulturen aus der Region. Patrick ist nun endlich angekommen. Er ist an der Grenze von Montenegro von serbischer Polizei verhaftet worden. Nach 14 Stunden Verhör konnte er gehen. Die drei Kameras sind beschlagnahmt und über 100 Filme sind ebenfalls weg. Patrick kann von Glück sagen, dass er wieder draussen ist. Bitte schickt uns Filme und Kameras, und versucht, rauszubekommen, wie wir die Kameras und Filme wieder bekommen. Grüsse aus Prishtina, Anne Ilse Vertein.