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Ich habe schlecht geschlafen und
kann die letzte Wendung des morgendlichen Traums
nicht mehr nachvollziehen, als ich mich daranmache,
mir die Haare aus dem Gesicht zu schaben. Es muss
eine Kneipe gewesen sein, und die Bedienung trug Klaras
Gesicht mit sich herum, sagte "Danke", "Bitte" und
"Kommt gleich". Dann ist irgendetwas passiert.
Ich verzeihe den Mund nach links, es kratzt, und
mir fällt ein, was es war: eine Explosion. In der
Küche oder hinter dem Tresen. Auf alle Fälle lag
sehr viel Geschirr zwischen den Leichenteilen.
Wahrscheinlich dieser britische Politthriller gestern Abend
- ich bin da sehr empfänglich.
Ich habe den Rasierpinsel ausgespült und gehe zum
Telefon, Klara anzurufen.
Sie sei schon seit einer
Stunde auf. Thai-Chi. Sie beginnt den Tag oft damit.
Ob ich gut geschlafen hätte? Es ist schön mit ihr,
denn ich muss die Frage nie mit einer Lüge bedenken.
"Sehen wir uns heute Abend?"
Ja, von ihrem Dienstplan seien zwei Leute weggestorben.
"Halb acht bin ich zuhause. Und bring was originelles mit!"
Sie liebe mich, sagt sie noch, ich sie auch, wir
quittieren, und als ich den Hörer auflege, fühle ich
mich wach genug. Ich verlasse das Haus, werde um eine Mark gebeten,
blicke in ein schmales Gesicht, Lidlöcher, sage
"Nein", und denke wieder an Klara. Es ist schön mit
ihr.
Als ich den Buchladen betrete, steht Joachim im
Schaufenster.
Ich werde von einer Kundin angesprochen.
"Andersch,
Sansibar, oder so ähnlich. Schwarz und griechischer
Verlag."
Ich erinnere mich. Im letzten Kapitel glaubt
der Pastor, die Salve aus seiner Trommelpistole
könne die Trostlosigkeit der Welt durchbrechen.
Und, dass sein Gott Ihn schießen lasse, weil sein
Gott das Leben liebe. Ich muss es mir angestrichen
haben und suche nun verglich nach einem Glanz in
den Augen der Kundin. Sie fragt nach dem
Preis, ich lese ihn ihr vor und wir werden einig.
Ich werde Klara heute Abend fragen, ob sie die
Stelle kennt. Das heißt nicht, dass wir uns über
Literatur unterhalten werden. Wir tun das nie.
Joachim und Gisela sind wandelnde Rezensionslexika,
aber Klara stimmt mir zu, lehne ich Literatur oder
Politik als Themen ab. Wir haben unser Thema, und
ich bin mir sicher, die Geschichte in der Kneipe
mit der Bombe wird ihr gefallen.
Was das Träumen anbelangt, so hat Klara mich erst
aufgeklärt. Es hat etwas gedauert, aber inzwischen
kann ich mich an nahezu alle Details meiner Träume
erinnern. Zunächst war es mir peinlich. Wir kannten uns erst
ein paar Tage, und sie muss es mir angesehen haben.
"Du hast mich sterben gesehen?"
"Nicht direkt", sagte ich, von ihrer Beiläufigkeit
überrascht und verlegen und, dass ich ich in den
ersten warmen Nächten immer unruhig sei.
Sie lachte kurz.
"Wusstest du das wirklich nicht, das mit den Existenzträumen?"
Seither erzählen wir uns gegenseitig. Alles. Klara sagt,
das mit dem Tod, sei symbolisch zu verstehen. Die
Menschen würden im Tötungsakt nur ihre Sehnsüchte
kompensieren. Und deswegen sei es auch so wichtig,
offen zu sein, dem eigenen Träumen gegenüber ehrlich.
Nur über Träume könnten Menschen, und sie lächelte
dabei, sich finden. Ihren früheren Freund habe sie
einmal in einem durchlöcherten Fass in die Elbe gerollt. Daran sei die Beziehung dann auch
gescheitert: Er sei zu verschlossen gewesen.
Wir hingegen haben es inzwischen geschafft, aus
der Art des jeweiligen Todes die Bedeutung für unsere
Beziehung herauszulesen. So sind Stichwaffen patriarchal zu deuten, Gift und Ertrinken
haben starke
emotionale Komponenten, und Zerschmettern, erdrückt
oder atomisiert zu werden, das ist komplizierter:
entweder völlige Hingabe oder soziologisch-politischer Protest. Seit ich von den Stichwaffen
weggekommen bin, haben wir zu einem neuen Rollenverständnis gefunden, und da wir es nun den "kleinen Tod"
nennen, sind wir auch im Bett besser geworden.
Joachim hat gerade das zweite Schaufenster in Arbeit
und meint, die beiden Bände "Kommunikationswissenschaft und gesellschaftliche Praxis" wolle er nicht
länger in der Auslage lassen; seit Wochen sei kein
einziges weggegangen. Er stelle jetzt die Morrisson-Texte raus.
Jeder Mann
wolle seinen Vater ermorden, hat Klara gesagt, als
ich ihr die Geschichte mit dem Gartenhäcksler erzählte.
Es wird schön werden heute Abend. Neben ihr einzuschlafen - wir werden zärtlich sein - und dann
vielleicht die Kettensäge, oder auch gemeinsam, ein Autounfall oder ein Tandemfallschirm, wenn
die Reißleine klemmt. Wir werden zum Frühstück voneinander hören.
8-7-94
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