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Hühner. Braune, gackernde Hühner. In ihren Kopfbewegungen,
ihrem stelzbeinigen Gang ähneln sie den ersten
Stummfilmstars, nickend und von Zeit zu Zeit aufeinander
einhackend. So stell ich mir Havanna vor. Und Managua. Ganz zu
Schweigen von Matagalpa.
Vielleicht sehe ich die Ding zu einfach. Natürlich sind da
noch alte US-Karossen in Havanna, mondän und mit tröstlichen
Lack- und Blechschäden, Pick-ups und japanische Kleinlaster
mit Kindern und Säcken auf der Ladefläche, weiße Häuser,
Straßenkinder und -händler und überhaupt Menschenmassen.
Aber der einzige verlässliche Augenzeugenbericht, an den ich
mich entsinnen kann, beschränkte sich auf Hühner. Unmengen
von Hühnern und demzufolge auch Eiern und Hühnerfleisch. Zu
jeder Mahlzeit.
Die restlichen Bilder, die ich mit diesen Flecken zwischen
Atlantik, Pazifik und mexikanischer Grenze verbinde, kenne ich
nur von Nachrichtensendungen und aus dem ein oder anderen
Buch.
War Hemingway je in Managua? Dass sich das Spanische und sein
unrasiertes Gesicht gut miteinander verbinden lassen, ist
bekannt. Kubanischer Rum, der sich - der glasigen Augen wegen
- nicht mehr vom Whisky Bukowskis unterscheiden ließe,
das wäre stimmig. Aber Managua?
Während ich in die Rentzelstraße einbiege, versuche ich, von
den Hühnern wegzukommen und mir Havanna vorzustellen. Ich
begehe den Fehler "El pueblo unido" vor mich
hinzusummen - ich begehe ihn oft - lande in Santiago de Chile
und finde mich beim nächsten Schritt in Dresden wieder, wo
der Salvador-Allende-Platz mitten in der Stadt untergebracht
wurde. Nicht wie hier am universitären Ort der ungenutzten
Narrenfreiheit.
Allende und die Einschusslöcher auf dem Buchdeckel seiner
Tochter. Auch auf einem Buchdeckel habe ich zum ersten Mal den
Schattenriss Sandinos gesehen. Gandhi soll bei seinem Tod
geweint haben. Ich sehe den kleinen General mit dem
breitkrempigen Hut beim Lesen in Mexiko, später in den Bergwerken,
dann Ocotal, Jahre noch vor Guernica.
Hemingway und der kleine General? Der Krieg war wohl nicht
groß genug, und zwischen den Vulkankratern Nicaraguas hätten
sie es nicht zugelassen, dass gerade eine Gringo die
Revolution in der Literatur ausruft. Der General war zu
klein, und selbst Ortega hätte sich später in einer Shortstory
nicht unterbringen lassen.
Nein, Hemingway war wohl nie in Managua. Ganz zu Schweigen von
Matagalpa. Zu weich sind die indianischen Namen. Er hätte sie
mit seinen Bartstoppeln nur zerkratzen können. Und ich bin
mir sicher: Der Brandy-Geruch aus seinem Mund hätte sie verscheucht - die nicaraguanischen Hühner.
Der kleine, von Betonplatten umrissene Teich auf dem
Unigelände ist zugefroren. Ein paar Möwen trägt das Eis
schon und die Drehtüren speien und verschlucken
taschentragende Mäntel.
Ich stelle mir vor: Im zehnten Stock
wird gerade über Imperialismus, Guerilla und die Solidarität
in den Metropolen diskutiert. Wenngleich ich dort schon
ähnliche Plakate gesehen habe, gebe ich den Gedanken auf -
nicht ohne mich im eigenen revolutionären Gedankengut zu
sonnen - und springe in eine freiwerdende Kammer der Drehtür.
Ich sitze, schreibe und der Blick schweift über Hamburgs
wilden Osten.
"Inhaltlich schwer zu Gange? Ihr macht heute
Plenums-Vorbereitung?"
"Nein, eine Freundin fährt nach Nicaragua, das heißt
eigentlich nach Kuba, und wir bauen an einem
Abschiedsgeschenk."
"Na ja, Kuba. Lange hält sich das wohl auch nicht
mehr."
"Ich weiß nicht, mir fallen nur Hühner ein."
" -?- "
"Nicaraguanische Hühner!"
"Na ja, wir sehen uns dann im Plenum!"
Es sind Hühner, an die ich denken muss, kommt das Gespräch
auf Havanna. Oder auf Managua. Ganz zu Schweigen von Matagalpa.
Wahrscheinlich gibt es dort gar keine.
21-1-92
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