Spekulatius, Tibet-Mützen und
Wolfgang Petri
Seit Nikolaus gibt sich der Dezember Mühe. Ich habe den Wecker
totgeschlagen, öffne das kondensbenetzte Fenster und mir kommt
frische Winterluft entgegen. Auf dem Tisch liegt eine leere Packung
Spekulatius. Ich beschließe, den Tag mit überbackenem
Baguette zu beginnen. Tilsitter und Erdnussbutter – Elvis Presley soll
an etwas Ähnlichem gestorben sein – langfristig zumindest.
Der
Küchenherd springt ohne Zicken zu machen an, ich fische mit
feuchtem Zeigefinger die letzten Spekulatiusbrösel aus der
Tüte und wundere mich noch einmal, warum es dieses Jahr ewig
gedauert hat, bis diese Keks-Ikonen auf dem freien Markt zu haben
waren. Den Beaujolais Primeur hatte Lidl dieses Jahr schon eine knappe
Woche früher im Sortiment. Es sind harte Zeiten, in denen die
letzten Größen flöten gehen. Es war immer der dritte
Donnerstag im November, dann darf er verkauft werden. Daran hatten sich
eigentlich alle gewöhnt. Sogar in Übersee. Dass das FBI
mittlerweile jede Flasche mit Flüssigkeit bei der Einreise einzeln
auf Subversivität überprüft, ist eine andere Sache. Die
US-amerikanischen Weintrinker haben seither ein Problem. Genau gesagt
scheiden sie sich wieder in die mit und die ohne Geld. Wer einen
privaten Lear-Jet und einen persönlichen Winzer im Beaujolais hat,
kriegt das Zeugs auch jetzt noch pünktlich in die Kehle. Genau
genommen kommt der Beaujolais so wieder zu seiner Geschichte
zurück: Es sollen britische Upper-Class-Dandys gewesen sein, die
mit Privatflugzeugen nach Frankreich flogen, um sich den ersten Wein
der Saison zu besorgen.
Nun stand der Beaujolais Primeur also ein
paar
Tage zu früh bei Lidl im Metallkorb, der November übte sich
in den Wechseljahren ergoss sich mit einer Hitzewallung über die
geduldige Hauptstadt und ich wartete auf die Spekulatius. Drei Wochen
sollte es dauern, bis ich die erste Packung zu der Frau am
Kassenscanner schleppen konnte.
Was Spekulatius anbetrifft, plädiere
ich ohnehin schon länger
auf eine ganzjährige Abgabe. Bislang ist es jedes Jahr das Selbe:
Wenn ich mich im Dezember eingedeckt habe, ist spätestens Ende
Februar wieder alles weg. Genaugenommen ist der Weihnachtsverkauf in
den Discountern meines Vertrauens nur die Billig-Version für den
Normal-und-Weniger-Verbraucher. In den entsprechenden Geschäften
gibt es Duftkerzen und Lametta-Imitationen das ganze Jahr. Die
Kuschel-Wochen im November und Dezember gestehen uns nur eine saisonal
beschränkte Einkehr zu, die sonst nur für teuer Geld zu haben
ist.
Das Telefon klingelt: Stanislaus.
„Hiho, Morgen Du! Na, wie geht?“
Ich höre es heraus, eigentlich hat er gar kein Thema. Zudem ist es
gerade kurz vor zehn und er scheint schon länger wach zu sein. Ich
schöpfe Verdacht und bleibe im Fluss.
„Ja, Du, geht ganz gut. Was gibt’s?“
Stanislaus traut sich.
„Na, ja, der neue Santa Claus. Hast Du ihn schon gesehen? Also, ich hab
die alte Animation einfach übernommen und halt „Oh du
Fröhliche!“ drübergelegt.“
Ich kenne den gesamten Prozess. Wir verkaufen Kommunikation und das
Weihnachtsangebot mit DSL zum Fest zeigte erste Wirkung. Kollegen haben
mittlerweile damit begonnen. mit kleinen Lebkuchenpaketen auf
Hausbesuch zu gehen, und Stanislaus, unser einsamer Programmierer,
hatte die Akquisemails zum Erst- und Zweitkontakt mit kleinen
Weihnachtsmännern ausgestattet, die quer über den Text
hampeln, fahrlässig DSL-Pakete verlieren und ansonsten „You better
watch out!“ singen. Dem Marketing-Chef war aufgefallen, dass
„Nach-draußen-schaun“ im Deutschen nicht das nötige
Vertrauensverhältnis zum angepriesenen Produkt vermittelt. In
Europa sei dies zuviel an Aufforderungscharakter. Der Marketing-Chef
ist wieder mal neu und Stanislaus eine ängstliche Person. Aber
kreativ. Ich kann mich also ruhig auf meinen letzten Ratschlag
zurückziehen.
„Ey Stani-Baby, wunderbar. 'Oh du fröhliche', das kaufen sie alle!
Weißt Du: 'Gnadenbringende!', das kennen alle!!“
„Was?“
Stanislaus kennt „gnadenbringende Weihnachtszeit“ offenbar nicht.
Wir verabschieden uns trotzdem nett und freundlich. Die Frage, was ich
heute noch vorhätte, beantworte ich vage. Noch sind keine
Feiertage, jeder darf tun und lassen, was er will.
Im Radio waren sie jetzt endgültig
auf den finalen Reiz einer
Freak-Show umgestiegen: Blinde, HIV-Infizierte, Obdachlose und verarmte
Besucher diverser Armenspeisungen geben sich die nachrichtliche Klinke
in die Hand, unterbrochen nur vom aktuellen Body-Count aus dem Irak. Es
wird sich so halten bis zum 24ten und dann wieder diese seltsame
Stille. Aus Hamburg kenne ich noch die Selbstmord-Meldungen nach dem
Fest. Einer oder auch mal zwei haben es jeweils in die Nachrichten
geschafft. Sabine, Röntgenärztin im Allgemeine Krankenhaus
St.Georg wusste es besser: Sieben alleine in ihrer Notaufnahme, von
denen es die Hälfte nicht bis Silvester geschafft hat. Und die
Erzählungen der Sanitäter über die, die gar nicht mehr
eingeliefert wurden, trieben die Quote weiter hoch.
Als ich zurück in die Küche komme zeigt mir ein Blick in den
Ofen, dass ich wohl der Letzte bin, der die beiden Käsebaguettes
lebend gesehen hat. Ich öffne das Fenster, brösel die
Briketts in den Müll, und organisiere meine Ernährung
gemäß der süddeutschen Weisheit, wonach vier Bier auch
ein Steak sind. Nach einem rechnerischen zweiundreißigstel Steak
vergeht mir der Geschmack und verlasse die Wohnung.
Im Durchgang zum Vorderhaus treffe ich auf Herrn Dschinkaya. Seit dem
sechsten Dezember habe ich eine neue Beziehung zu Herrn Dschinkaya. Wir
hatten uns zu Nikolaus vor den Briefkästen getroffen, er war
gerade damit beschäftigt, einen, von übersättigten
Kinderstiefeln zertrampelten Schokoladen-Nikolaus von den Bodenfliesen
zu kratzen und ich hatte überschwänglicherweise bemerkt, dass
der heilige Nikolaus ja Bischof in Myra in der heutigen Türkei
gewesen sei. Wir hatten uns lachend verabschiedet, „Nikolaus ist
Türke!“. Seither grüßt er mich mit „Fröhlicher
Nikolaus!“. Ich vermute bei dem knapp 60-jährigen Herrn Dschinkaya
ein gewisses Laissez-Faire, das ihm aber sehr gut zu Gesicht steht.
Zumindest seit sein Laden in der Grüntaler Straße
ausgebrannt ist, sieht er vieles weniger kritisch.
Zu Ostern erzähle ich ihm, dass sich Dschinkaya mit
Zauberberg übersetzen lässt. Das stimmt zwar nicht ganz, aber
vielleicht freut er sich ja. Vielleicht.
Stanislaus hatte ich nicht sagen wollen, was ich vorhabe. Trotz all dem
Persönlichen, waren wir Kollegen und trösteten uns oft genug
mit festen Unterhaltungsmustern über den Rest hinweg. Das klappte
auch ganz gut, aber dass ich heute auf den Weihnachtsmarkt wollte, es
wäre schwer geworden, ihm das zu erzählen. Stanislaus litt
nicht nur an seinem Vornamen, sondern auch unter diversen
Verschwörungstheorien. Seine letzte Angst bestand darin, der
Mossad sei hinter ihm her. Wegen seiner Werbestrategien zur digitalen
Kommunikation. Ich gebe zu: „Gas geben mit DSL“ war nicht wirklich der
Unverfänglichste aller Slogans. Als es neu im Netz stand, rief ich
ihn an und sagte etwas von „suboptimal gelöst“. Das Schöne
bei Stani ist, dass seine Bedrohungsszenarien nicht lange anhalten und
gerne den Urheber wechseln. Den israelischen Geheimdienst hatte er
schnell wieder vergessen – ein verlässliches Zeichen dafür,
dass er mit dem Mossad noch nicht wirklich zu tun hatte.
Ich wollte auf den Weihnachtsmarkt der Kulturbrauerei an der
Schönhauser Allee. Die Versuche, meine Beziehung pünktlich
zum ersten Advent gegen die Wand laufen zu lassen, um mir den Stress
zum Heiligen Abend zu ersparen, waren eindeutig gescheitert. Agnes
hatte sich von meiner selbstmitleidigen End-November-Depression nicht
überzeugen lassen und so würden wir am 24ten wohl länger
telefonieren. Wenn man sich erst ein paar Monate kennt, sprengt
gemeinsames Weihnachten mit den Erzeugern der anderen Seite dann doch
den Rahmen. Was meine Vorfahren betrifft, habe ich dieses Jahr
vorgesorgt. Meine ehemaligen Erziehungsberechtigten bekommen
dieses Jahr ein Paket. Vor dem Fest! Im letzten Jahr rief mein Vater am
23ten an und bezichtigte sich in ungekannter Offenheit einer
völlig verfehlten Erziehung. Er gipfelte darin, meine alte Schule
anzünden zu wollen. Die seien Schuld an meinem Elend. Ich habe ihm
damals davon abgeraten und das Paket wird in diesem Jahr wohl dem
Eindruck vom Elend in der Hauptstadt entgegenwirken. Die Planung
für den 24ten sind abgeschlossen.
Agnes hatte den Job auf dem Weihnachtsmarkt in der
Kulturbrauerei. Eine Bude mit beleuchteten Salzsteinen, Duftlampen und
lustigen Tibet-Käppis. Die Mützen laufen bereits zu Hauf
herum
und die Nachfrage ist im Vergleich zu den Vorjahren stark eingebrochen.
Die Kinder, die den tibetanisch bemützten Müttern folgten,
wirken schwer gestört, weisen eine Form von Apathie und
Hospitalismus auf, die nur von gelegentlichen überakzentuierten
Willensäußerungen unterbrochen werden. Ihre Eltern verstehen
dies wohl als selbstbestimmte Laute. Auf einer Bühne hat sich eine
britische Bläsergruppe aufgebaut, die jetzt mit dem
Selbstverständnis nordenglischer Kohlekumpels über „Vom
Himmel hoch, da komm ich her“ dahinbläst. Das Publikum,
protestantische Posaunen gewohnt, ist Laufkundschaft. Selbst ein
freundliches Vorbeischlendern gelingt ihm nicht. Zu angestrengt ist die
vorweihnachtliche Verdutztheit.
Nach dem zweiten Glühwein sind die Bläser bei „Herbei, oh Ihr
Gläubigen“ angekommen. Der Junge am Tenorhorn sieht wirklich aus
wie Ivan McGregor in „Brassed Off“ und ich beginne, Agnes halblaut die
Karel Gott-Version von „Adääste Fidääälis,
lääti triumpahahantes! Vähnite, vähnihihite ihin
bähätlähäm!“ vorzusingen. Kundschaft, die ich
hätte vertreiben können, zeigt sich ohnehin nicht. Bei
„Nahatum vidäääte, rägem angelohorum“ kann Agnes
hinter ihrer esoterischen Auslage ein Dauerkichern nicht mehr
unterdrücken und beginnt, ihre Sachen zusammenzupacken. Die
Kollegin muss jeden Moment kommen. Wir können weiter. Mir ist kalt
um die Ohren, der Dezember gibt sich alle Mühe, und Agnes reicht
mir eine der lustigen Tibet-Mützen, unterm angedachten Ladentisch
hindurch. Eine, mit einem noch viel lustigeren Bommel obendrauf, eine,
die ich mir inzwischen willenlos überstülpe. Mir wird warm.
Wir ziehen weiter, die Schönhauser runter, zum Alexanderplatz.
Auch hier Weihnachtsmarkt, hier aber mit Steaks und Würsten. Der
Hit ist noch immer die Ein-Meter-Bratwurst im Stangenbrot für
zweieinhalb von diesen Euros. Wir treffen auf mindestens drei
Väter, die ihren Kindern solche Querformate in die Finger
drücken und zumindest im Dezember wissen, dass ihre Nachkommen
einmal im Jahr stolz auf Papa sind.
Wir suchen einen Schießstand. Wir tun das öfter. Es muss
August gewesen sein, Agnes und ich waren zur Hochzeit ihrer Schwester
in Angermünde und wir hatten uns gegen Abend unauffällig auf
die örtliche Kirchweih, oder wie das im Osten heißt,
verzogen. Seither schießen wir begeistert. Luftgewehr,
Kleinkaliber gibt’s ja auf Volksfesten nicht. In Angermünde war
das auch gut so. Nachdem Agnes so ziemlich alles an weißen
Plastikrosen abgeräumt hatte, betraten die örtlichen
Faschisten die Szenerie. Wir besannen uns wieder auf den Anlass unseres
Ausflugs in die Provinz, kamen noch rechtzeitig zur
Brautentführung und ich begrüße bis heute, dass es bei
Volksfesten nur Luftgewehre gibt.
Auf dem Alexanderplatz sind zu Weihnachten aber auch die nicht
aufzutreiben. Es gibt zwar Buden mit beleuchteten Salzsteinen,
Duftlampen und Lederschmuck, auch hier ohne nennenswerte Kundschaft,
aber keine Schießstände. Wir müssen Go-Cart-Fahren und
Maronen schälen. Den letzten Glühwein trinken wir mit
Wolfgang Petris „Der Himmel brennt, die Engel fliehn!“ im Hintergrund.
Als die U-Bahn aus dem Tunnel in den Nachthimmel fährt, sagt Agnes
leise: “Mehr von diesen Abenden!“
Sie schläft schon, ich gehe zum Fernseher, bleibe bei SAT 1
hängen. Es läuft das Nacht-Quiz und ich glaube, die
Moderatorin zu erkennen. Ich stutze, tippe auf den Glühwein, das
klappt nicht, und ich merke, es ist Isabell Varell. Es war 1985, „Das
Rätsel der Sandbank“ mit Sattmann und Klaußner, zwei
britische Segler, die sich in Clara Dollmann verlieben. Ich war 14 und
ich war schwer begeistert. Frau Dollmann heißt jetzt wieder
Isabell Varell und moderiert das SAT 1 Nacht-Quiz. Sie sagt „meine
Sendung läuft ab“ und meint eine Dauerwerbesendung. Sie singt
plötzlich, und keine Regie hat das veranlasst. Sie singt „Chat
chod ihe Rüt rads or chamt teiw“ in dem verstümmelten Text,
aus dem die anrufenden Zuschauer das Original erraten sollen. Sie singt
verhalten, und selbst die unterdrückte Stimme verrät, worin
sich meine pupertierende Begeisterung dereinst gnadenlos verfing. Eine
Rentnerin ruft an, singt weiter bis zum Herrn „der Herrlichkeit“ und
bekommt von einer noch verhalteneren Isabell Varell 20 Euro obendrauf.
Weil sie weitergesungen hat, denn Isabell erklärt: „Umsonst ist
nichts.“
wann schon: dezember 2005!