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Montag, 03. Januar 2005
Kein Wohngeld auf dem Konto, also zum Amt Müllerstraße.
Anfang Januar, der erste Montag des Jahres, der erste Tag nach der
Wende zu Hartz IV. Die morgendliche Sonne brüllt etwas von
Aufbruchsstimmung vor sich hin. Auf der Müllerstraße
springen die Folgen der Silvesternacht ins Auge: Das Hochhaus
gegenüber ist ausgebrannt, ein Hauch von Prishtina liegt
tomahawkoid in der Luft und auf der Verkehrsinsel Ecke Pankstraße
steht ein gestauchter PKW mit ermüdeten Airbags auf den
Vordersitzen.
Die Commerzbank übt sich im Chaos – der Auszugsautomat ist kaputt,
warnt eine eigens dafür abgestellte Angestellte im Foyer. Am
Schalter dann Verständnis, der Auszug „für´s Amt“, die
Dame scheint die Sachlage zu kennen. Neben mir versuchen mindestens
drei Leute Ähnliches zu bekommen, die Rede ist noch immer von
„Kontoauszügen“. Turnschuhe, Jutetaschen und eine ungewohnte
Lässigkeit bestimmen das Bild auf Kundenseite. Kooperation
zwischen Mildtätigkeit und unbestimmter Solidarität mach sich
gegenüber breit. Als Ergebnis des guten Willens bricht dann auch
noch das Internet zusammen. Zu viele Commerzbank-Kunden schauen
offenbar gerade nach, ob der Transfer geklappt hat, das
Wirtschaftssystem noch existiert oder die Frankfurter Börse jetzt
volks- oder sonstwie-eigen geworden ist. Charmant, wie ich sein kann,
erhalte ich einen internen Ausdruck – ein Augenaufschlag mahnt mich zum
vertraulichen Gebrauch.
Ein paar Meter weiter dann das Arbeitsamt. Heute ganz in Rot.
Farbbomben haben die Gebäudefront in der Nacht überzogen.
Jetzt ist es von spanischen Reitern und Polizisten in noch unbefleckter
Kampfmontur abgesperrt. Die SPD-Geschäftsstelle gegenüber
schützt sich auch mit rot-weißen Gittern und der staatlichen
Exekutive. Die beiden Wachheinis hinter der Glastür schenken mir
breitbeinig einen stechenden Blick, und mein belustigter Blick
zurück löst einen konzentrierten Kopfschwenk aus –
Synchronschwimmer sind nichts dagegen! Der Hauteingang des
Bürgeramtes ist aus „technischen Gründen“ heute geschlossen,
auch hier verleihen zwei Hände voll gut gepolsterter Polizeibeamte
den technischen Gründen Nachdruck. Am Alternativeingang dann
fangen drei Sozialamtsangestellte, die bulligeren unter ihnen, die
Besucher ab, fragen gezielt nach dem Begehren und sind sich einig: „Das
Sozialamt, das gibt´s nicht mehr!“. Die Frage nach dem
Wohnungsamt verwirrt sie. Ich schlage ihnen freundlich vor, selbst
danach zu suchen, und betrete eine hoffnungslos überfüllte
Behörde.
Wickert hat gestern in den Tagesthemen verlauten lassen, dass
bundesweit nur 300 Menschen kein Geld auf ihrem Konto vorgefunden
hätten – schön dass die alle im Wedding wohnenm, und dann
noch auf einem Flur Platz finden. 30 Prozent Dunkelziffer passen auch
noch rein - Das ist urbane Toleranz. Nach drei Stunden Wartezeit
erhalte ich für fünf Minuten Gehör, misstraue dem
Gehörten und gehe nochmal beim Arbeitsamt vorbei. Dort hat sich
Einiges getan: Knapp 200 Montagmorgens-Demonstranten haben sich auf der
Straße eingefunden, die Eingänge sind mit Polizeihunden
gesichert. Ich staune: Der zottige Typ des DDR-Grenzhundes lebt!
Neulich hatte ich in einem Gespräch noch behauptet, der
Phänotypus des Schäferhundes im DDR-Design hätte sich
längst im gesamtdeutschen Genpool aufgelöst. Weit gefehlt: Es
gibt ihn noch und er tut Dienst.
Kurz vor Zwölf Uhr kündigt die Einsatzleitung an, nach
mehrmaliger Aufforderung Eingänge und Straße räumen zu
wollen. Sie halten Wort: Die Hunde dürfen jetzt auf die
Demonstranten in den Eingängen los, die wollen da nicht bleiben
und gehen dann doch lieber, stolpernd, ein paar retten sich flugs
übers Geländer. Ich beginne auf den Hubschrauber zu warten,
der, über die Situation platziert, das Bild einer psychologischen
Kriegsführung komplettieren würde. Statt dessen beginnen die
Einsatzkräfte damit, konventionell gegen den Rest auf der
Straße vorzugehen.
Im mehr als kurzen Vorspiel ist es noch ein grünuniformiertes
Schieben, dann kriegt die erste Reihe gezielt in die Nieren. Das Pulk
der jetzt noch gut 50 Protestierenden zeigt sich selbst Tritten in die
Kniekehlen gegenüber zunächst resistent. Es zerfällt
erst beim Einsatz von Pfefferspray. Ein Beamter verteilt den Strahl aus
der Sprühdose großzügig und verweilt damit immer wieder
kurz auf einzelnen Gesichtern der störenden Seite. Der Kameramann
vom RBB hat längst die Linse gen Himmel gehoben, fängt die
schon erwähnte Sonne ein, und äußert sich
uninteressiert. Die zerstiebende Menge reizt zu kleineren Treibjagden
über den Grünstreifen, deren Beute lachend in die
Polizeibusse verbracht wird. Überhaupt könnte die Stimmung
auf Seiten der Organe nicht besser sein. Als die Aufforderung
„Weitergehen!“ Widerworte wie: „Hier liegt ein Verletzter!“ hervorruft,
zeigt ein fröhliches „Der kann da ruhig liegen bleiben!“ den Weg
aus der Krise. Die Politisierung Zwanzigjähriger erfährt
darüber hinaus ungeahnten Vorschub.
Danach diskutiert das lustige Personal vom Anti-Konflikt-Team mit den
Anwesenden über das Versammlungsrecht. Die Organe tragen jetzt
Westen mit neonfarbener Aufschrift und machen Kindergeburtstag.
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